Jahrbuch Gute Arbeit

Jahrbuch Gute Arbeit 2009 "Handlungsfelder für Betriebe, Politik …

Jahrbuch Gute Arbeit 2009 "Handlungsfelder für Betriebe, Politik und Gewerkschaften"

Gute Arbeit ist zum Handlungsfeld für Betriebe, Politik und Gewerkschaften geworden. Es geht um Weichenstellungen: Wie lassen sich Wettbewerbsfähigkeit und soziale Ansprüche verbinden? Auf welche positiven Erfahrungen kann man sich stützen? Das Buch bietet Lösungsansätze und lässt dabei der Vielfalt unterschiedlicher, auch kontroverser Standpunkte genügend Raum.  

Vorwort von Michael Sommer:

Wir haben die Arbeitsqualität wieder auf die politische Agenda gesetzt

„Sozial ist, was Arbeit schafft“ – als die Gewerkschaften 2007 zum ersten Mal den DGB-Index Gute Arbeit vorstellten, galten Plattitüden dieser Art noch als schick. Die Botschaft an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer war klar: Frage nicht nach den Bedingungen, unter denen Du arbeitest, sei froh, wenn Du Arbeit hast. Die Qualität der Arbeitsbedingungen unter den Tisch fallen zu lassen, dafür haben sich Gewerkschaften aber noch nie begeistern können. Schon immer haben wir danach gefragt, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, welchen Lohn sie bekommen und wie viel Zeit am Ende des Tages bleibt. Deshalb sagen wir: Sozial ist, was gute Arbeit schafft.

Damit ist die Frage nach der Qualität der Arbeitsbedingungen wieder auf der Tagesordnung. Und die Projekte und Initiativen der DGB-Mitgliedsgewerkschaften zeigen, wie Widerstandslinien und Zukunftskonzepte erfolgreich miteinander verbunden werden können. Auf dem Bundeskongress 2006 hat der DGB unterstrichen, dass er „in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Zukunft der Arbeitsgesellschaft die gewerkschaftlichen Konzepte einer humanen und guten Arbeit“ einbringen will. Spätestens seit der Premiere des DGB-Index Gute Arbeit im Jahr 2007 haben die Themen Arbeitsbedingungen und Arbeitszufriedenheit einen festen Platz in der öffentlichen Diskussion erobert. Daran haben die Gewerkschaften entscheidenden Anteil. Sie haben damit eine der wichtigsten arbeitspolitischen Initiativen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte auf den Weg gebracht, haben Gespür für Zukunftsprobleme bewiesen und zeigen Gestaltungskompetenz.

Auch der 1. Mai 2008 stand unter dem Motto „Gute Arbeit“ und Politik und Medien widmen sich diesem Thema. Allzu häufig geht es dabei zunächst einmal um schlechte Arbeit: von den Lidl-Bespitzelungen bis zu den erniedrigenden Arbeitsbedingungen in Call Centern und Großbäckereien, die Günter Wallraff in seinen Reportagen beschreibt. Im Umkehrschluss wird aber sehr deutlich, wie Arbeit gestaltet werden muss, damit sie Gute Arbeit wird: Angemessene, anständige Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit im doppelten Sinne, Gestaltungsmöglichkeiten und ein respektvoller Umgang sind die Basis Guter Arbeit.

Sich dem Ideal „Gute Arbeit für alle“ so weit wie möglich anzunähern, sollte in einer sozialen Marktwirtschaft eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Der ökonomische Erfolg unseres Landes beruht schließlich nicht auf Goldadern oder Edelsteinen. Unsere „Schätze“ sind die Tatkraft, Innovationsfreude und Kreativität arbeitender Menschen. Sie gilt es zu erhalten und zu fördern. Deshalb haben die Gewerkschaften den DGB-Index Gute Arbeit „erfunden“. Natürlich glauben auch wir nicht, dass das allein uns in die beste aller Arbeitswelten katapultiert. Aber mit dem Index kommen erstmals diejenigen zu Wort, die ihre Arbeitsbedingungen am besten beurteilen können – die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Eine derart detaillierte Befragung zur Arbeitszufriedenheit hat es bislang noch nie gegeben – weder in Deutschland noch europaweit.

Der Index war überfällig, wollen wir den diversen Aktien- und Geschäftklima-Indizes – die die Interessen einer weit kleineren Bevölkerungsgruppe widerspiegeln - nicht die Deutungshoheit über unser (Wirtschafts)Leben überlassen. Heftige Gegenreaktionen sind nicht ausgeblieben: Einzelne Arbeitgeberfunktionäre werfen uns vor, Schwarzmaler zu sein und ein Zerrbild der Arbeitswelt zu zeichnen. Einzelne Unionsvertreter unterstellen uns „Hybris“, weil Gewerkschaften meinen, „besser als die Betroffenen wissen zu wollen, was für sie gut sei“ - eine bemerkenswerte Einschätzung für den Vertreter einer demokratischen Partei, zu dessen Tagesgeschäft es gehört, sich mit Wählerumfragen auseinander zu setzen.

Natürlich kann es niemandem gefallen, wenn fast ein Drittel der Befragten des DGB-Index fehlende Aufstiegsperspektiven, geringe berufliche Zukunftssicherheit und ein nicht ausreichendes Einkommen kritisiert – den Gewerkschaften schon gar nicht. Aber wir sehen es als unsere Aufgabe an, das zu ändern. Dabei hilft nur eine kritische Bestandsaufnahme, die Probleme klar benennt, statt sie zu vernebeln oder zu verharmlosen. Und der erste Schritt ist, die Erfahrungen und Wünsche der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kennenzulernen. Erst dann kann gemeinsam nach Wegen gesucht werden, wie ihre Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessert werden können. Das nutzt nicht nur den Beschäftigten. Auch die Unternehmen profitieren davon, denn zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Regel wesentlich motivierter.

Wir laden Politik und Wirtschaft dazu ein, sich gemeinsam mit uns diesen Herausforderungen zu stellen. Und ich werte es als gutes Zeichen, dass viele Vertreterinnen und Vertreter dies im vorliegenden Jahrbuch mit ihrem Beitrag tun. Darüber hinaus brauchen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unsere Tatkraft. Denn der DGB-Index Gute Arbeit zeigt: Gute Arbeitsbedingungen sind überall möglich. Mit dieser Gewissheit werden wir weiter hartnäckig daran arbeiten, dass schlechte Arbeit von der Bildfläche verschwindet. Aus mittelmäßiger Arbeit soll Gute werden und aus Guter noch bessere Arbeit. Ganz einfach: Wir wollen, dass Gute Arbeit zum Regelfall wird.

(Michael Sommer)