Cloud und Crowd

Dokumentation des ver.di-Workshops: Crowdwork und Crowdsourcing. …

Dokumentation des ver.di-Workshops: Crowdwork und Crowdsourcing. Herausforderungen & Handlungsansätze

Über 40 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus dem In- und Ausland tauschten Meinungen und Erfahrungen zum Thema Organisierung von Crowdworkern wie auch Solo-Selbstständigen im Allgemeinen aus. Dabei wurde eins deutlich: Nicht nur Crowdworker sondern auch Solo-Selbstständige sind in Gewerkschaften noch lange keine Selbstverständlichkeit.

Das Beispiel TurkerNation

Im Vergleich mit Europa bestehen in Nordamerika einzelne Ansätze der Selbstorganisierung von Crowdworkern. Die älteste Online-Community von und für Crowdworker auf der Plattform Amazon Mechanical Turk heißt TurkerNation. Kristy Milland, Crowdworker und Mitgründerin von TurkerNation, berichtet auf der Veranstaltung über die Anfänge: „Dies begann mit einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig vertrauten. Als wir das Gefühl hatten, die Preise auf der Plattform sind nicht fair, haben wir buchstäblich die Arbeit einfach nicht mehr gemacht. Und wir haben versucht, dies auszuweiten, so dass die gesamte Community diese schlecht bezahlten Aufträge nicht mehr annimmt.“ Dadurch konnten sie in einzelnen Fällen tatsächlich eine höhere Bezahlung durchsetzen. Allerdings gelang es ihnen nicht, die Anzahl der beteiligten Personen entsprechend auszuweiten. „Wir waren 4.000 von insgesamt 40.000“, so Kristy. Deshalb blieben diese virtuellen Streiks verhältnismäßig klein. Als weitere Aktivitäten führten sie eine Email-Kampagne durch und verfolgten einen Ansatz des ‚naming and shaming‘. „Wir haben die Sozialen Medien genützt und öffentlich gesagt, hey Google bezahlt uns für diese Tätigkeit nur 2 Cent. Und bei manchen Unternehmen hat das gewirkt“, so Kristy. Im nächsten Schritt haben sie Dynamo gegründet, um Erwerbstätigen, die auf unterschiedlichen Plattformen aktiv sind, ein Forum für den Austausch zu bieten. Und so empfiehlt auch Kristy heute den anwesenden Gewerkschafter/innen Online-Communities im Internet aufzusuchen, die Schlüsselpersonen zu identifizieren und mit ihnen in Kontakt zu treten.

Die Schwierigkeit Crowdworker zu adressieren

Dies ist allerdings in Ländern wie Deutschland schwierig. Im Vergleich mit den USA und Kanada hat das Phänomen Crowdwork hier nicht die gleiche Relevanz und Crowdworker tauschen sich – zumindest bislang – nicht in eigenen Online-Communities untereinander aus. Crowdworker sind eben keine homogene Gruppe und haben unter Umständen nur wenig gemeinsam: Sie arbeiten in unterschiedlichen Branchen, auf unterschiedlichen Plattformen von Mikrotask-Tätigkeiten bis hin zu hoch spezialisierten, komplexen Aufgaben. Manche sind hauptberuflich Solo-Selbstständige, andere Angestellte oder sie leben von Sozialhilfe. „Von den Selbstständigen in Deutschland verdienen rund ein Drittel sieben bis acht Euro die Stunde, das Einkommen eines Selbstständigen IT-lers liegt derzeit bei 90 Euro die Stunde. Das ist die Spannbreite, mit der wir es zu tun haben. Das müssen wir bei der ganzen Frage Crowdwork in der IT-Branche mit einbeziehen. Wenn wir über Strategien reden, reden wir nicht über eine Strategie. Sondern wir müssen gucken, wo und wie wir die Kolleginnen und Kollegen mit ihren jeweiligen Schutzbedürfnissen oder auch ihren egoistischen Interessen erreichen können – oder eben auch nicht“, so Veronika Mirschel, Leiterin des Referats Solo-Selbstständige bei ver.di. 

ver.di-interne Umfrage zu Online-Arbeit und Crowdwork

Im Jahr 2016 hat ver.di mit Unterstützung der Uni München eine Umfrage durchgeführt. Über 1.500 ver.di-Mitglieder, Betriebsräte und hauptamtliche Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretäre haben sich an dieser Umfrage zum Thema Online-Arbeit und Crowdwork beteiligt. Sarah Bormann vom ver.di-Projekt Cloud und Crowd begründet die Motivation für die Umfrage wie folgt: „Wir reden viel über Crowdwork und wenig mit Crowdworkern. Es ist für uns als Gewerkschaften einfach schwierig mit Crowdworkern in Kontakt zu treten. Für ver.di, die wir 30.000 Solo-Selbstständige organisieren, war es von daher logisch: Na, dann Fragen wir doch mal als erstes unsere eigenen Mitglieder. Und siehe da, die haben Erfahrung mit Crowdwork und teilen die mit uns.“ Auf der Veranstaltung hat ver.di Vorgehensweise und erste Ergebnisse vorgestellt. Mit der abschließenden Auswertung allerdings sind Uni München und ver.di derzeit noch befasst. Neben den Erfahrungen der Solo-Selbstständigen auf Crowdsourcing-Plattformen geht es auch darum, welche Bedeutung Betriebsräte dem Phänomen Crowdwork im Organisationsbereich von ver.di beimessen und wie sie damit umgehen.

Handlungsansätze auf der betrieblichen Ebene

In der Diskussion wurde am Beispiel von Erfahrungen im Umgang mit Solo-Selbstständigen deutlich, dass die Interessenvertretungen – trotz starker Einschränkungen – auch auf der betrieblichen Ebene über Handlungsmöglichkeiten verfügen. So berichtet beispielsweise der Sekretär einer belgischen Gewerkschaft von einem Fallbeispiel aus der Medienbranche: Bislang hatte die Geschäftsleitung jegliche Diskussionen mit dem Betriebsrat über die Belange der Solo-Selbstständigen verweigert. Als die Geschäftsleitung nun entschied, Beschäftigte zu entlassen und die Arbeit an Solo-Selbstständige auszulagern, konnte die Gewerkschaft dies zwar nicht verhindern. Sie hat dies aber als Chance genutzt, um die Solo-Selbstständigen zu organisieren. So konnte vertraglich geregelt werden, dass der Betriebsrat in Zukunft die Belange der Solo-Selbstständigen mit vertreten kann. Veronika Mirschel von ver.di berichtet von einem weiteren Beispiel aus der Medienbranche – diesmal in Deutschland. Sie betont, dass Betriebsräte zwar die Solo-Selbstständigen nicht mit vertreten dürfen, aber über ein Auskunftsrecht gegenüber dem Arbeitgeber hinsichtlich der Art und des Umfangs (Aufgabengebiet, Arbeitsplatz, Arbeitszeiten und Art der Entlohnung) der Beschäftigung freier Mitarbeiter verfügen.  
Im Fall einer großen deutschen Tageszeitung hat der Betriebsrat dies aktiv genutzt. Als die Geschäftsleitung den Selbstständigen neue, deutlich schlechtere Verträge zuschickte, unterstützte der Betriebsrat aktiv den Widerstand der freien Kolleginnen und Kollegen, die alle Selbstständigen anschrieben und sie aufforderten , diese Verträge nicht zu unterzeichnen. Eine weitere Absenkung konnte durch diese Intervention verhindert werden.

Gewerkschaft für neue Gruppen erschließen

Generell kann viel gelernt werden von den Erfahrungen mit Solo-Selbstständigen, denn letztlich ist Crowdwork eine spezifische Form der Arbeitsorganisation selbstständiger Arbeit. Neben der Frage, welche Handlungsmöglichkeiten auf der betrieblichen Ebene bestehen, befasst sich ein zweiter Diskussionsstrang auf der Veranstaltung mit der Frage: Was brauchen Solo-Selbstständige und was können wir als Gewerkschaft ihnen bieten? Aus dieser Idee heraus entstand im Fall von ver.di im Jahr 2000 mediafon als Beratungsnetzwerk von und für Solo-Selbstständige. mediafon bietet Beratung sowohl über das Internet als auch über das Telefon an und hat 2015 auch ein spezifisches Beratungsangebot für Crowdworker entwickelt. Die Teilnehmerin einer dänischen Gewerkschaft, die im Finanzsektor aktiv ist, sieht zudem eine Chance darin, dass Gewerkschaften auch aufgrund ihrer bestehenden Netzwerke für Selbstständige attraktiv sein können. Das Vorgehen ihrer Gewerkschaft beschreibt sie wie folgt: „In Dänemark schließen viele Banken und die Anzahl der Solo-Selbstständigen im Finanzsektor nimmt stetig zu. Was machen wir nun als clevere Gewerkschaft? Wir bauen Brücken zwischen uns und diesen neuen Entrepreneurs. Wir wollen für sie attraktiv werden. Das ist schwierig, denn wie sie arbeiten und was für sie wichtig ist, sind ganz andere Dinge als das, was wir normalerweise im Fokus haben. Wir bieten ihnen nun an, sie mit der Branche bekannt zu machen und sie in unsere Netzwerke einzuführen. Wenn Du also der Gewerkschaft beitrittst, dann wirst Du dafür den Zugang zu sehr wertvollen Netzwerken in den etablierten Banken oder anderen Finanzinstituten erhalten. Dieses Networking ist für uns ein wichtiger Ansatz.“ Darüber hinaus bietet die Gewerkschaft in Zusammenarbeit mit der Stadt Kopenhagen Co-Working Spaces für Selbstständige an. Auch dies ist eine Serviceleistung, die zugleich den Zugang zu den Selbstständigen einfacher macht. Ein weiterer Aspekt, der in der in Diskussion immer wieder aufgegriffen wird, ist Qualifikation. Gewerkschaften können entweder Trainings anbieten oder auch in der Beratung den Erwerbstätigen vermitteln, dass sie sich an einem bestimmten Punkt weiterentwickeln müssen und sich vielleicht auch von manchem Auftraggeber trennen müssen. 

IT-Conference 2017 (c) IT-Conference 2017
IT-Conference 2017 (c) IT-Conference 2017
IT-Conference 2017 (# IT-Conference 2017